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Aller Anfang ist... - Die ersten Tage

Autor: Merlit | Datum: 11 Oktober 2017, 20:28 | 0 Kommentare

Es ist zwar inzwischen eigentlich schon etwas spät um „die ersten Tage“ zu beschreiben und sie kommen mir auch schon eine Ewigkeit her vor, aber sie waren sehr eindrücklich für mich und so möchte ich die wichtigsten Dinge doch noch einmal loswerden, bevor sie noch weiter in den Hintergrund rücken.

In der ersten Zeit war sofort eine Menge los. Franzi und ich sind nachts bei der Ankunft sofort ins neue Haus gezogen, wo wir dann hauptsächlich aus unseren Koffern lebten, der Umzug sollte ja nicht lange auf sich warten lassen. Von Tag eins an waren verschiedenste Dinge geplant und so sahen wir jeden Tag etwas Neues und Jemand neuen.

Ich habe wirklich noch nie in so kurzer Zeit, eine so große Anzahl an unbekannten Leuten getroffen! Alle hießen uns herzlich Wilkommen, mit den Worten „Woezo loo“ (das bedeutet Willkommen auf Ewe, der Regionalsprache), auf die wir dann „Yoo“ antworten, wie wir sofort am ersten Tag gelernt haben.

Auf diese Antwort unsererseits reagierten viele mit Begeisterung und quatschten uns weiter auf Ewe zu, wir verstanden natürlich kein Wort. Trotzdem hat die Offenheit, mit der alle möglichen Leute auf uns zu gekommen sind es uns erleichtert uns wohl zu fühlen und fröhlich zu sein. Man muss hier, anders als in Deutschland, eine Person nicht kennen, um sie zu grüßen und sie zu fragen, wie es ihr und ihrer Familie geht. Das ist anfangs angenehm, denn man kommt leicht ins Gespräch (irgendwann ist es natürlich auch mal anstrengend, immer und überall angequatscht zu werden). Besonders über die Kirche haben wir in den ersten Tagen viele Bekanntschaften gemacht, denn es fand ein riesengroßes Fest statt, zu dem Chöre aus der ganzen Umgebung angereist waren. Das heißt es gab rund um die Uhr viel Programm. Wir wohnen ja direkt neben dem Kirchengelände und daher bekamen wir immer mit, wenn Leute kamen und gingen. Das passierte nicht selten in großen Zügen mit singenden und tanzenden Menschen, die locker mal ein paar Hunderte umfassten. In der Kirche wurden wir sofort vertraut gemacht mit langen Gottesdiensten (am zweiten Tag hier brachten wir es schon auf fünf Stunden in der Kirche), traditioneller Kleidung und viel Gesang, sowie ausgelassenen Tänzen. Bei denen sollten wir dann auch sofort mitmachen. Es war wirklich nicht leicht, auch nur annähernd ähnliche Bewegungen beim Tanzen zu machen, wie die Leute hier, aber ein paar Frauen haben mit viel Geduld versucht es uns beizubringen. Das hat Spaß gemacht, auch wenn es nicht so schön war, so sehr im Fokus zu stehen. Denn beim Tanzen waren fast immer Kameras und Handys auf uns gerichtet, von allen möglichen Leuten, das war ungewohnt und befremdlich für uns. Ich will gar nicht wissen, wer inzwischen schon alles Videos und Bilder von meinen Tanzversuchen gesehen hat (Jetzt, ein paar Wochen später, kann ich berichten, dass das keine Seltenheit ist, ich wurde auch schon beim Kochen, Sport machen und beim „normalen“ Tanzen gefilmt, die Videos habe ich selber leider nie gesehen).

 

Neben diesen sehr spannenden und lustigen Erlebnissen in der Kirche war auch das Essen der ersten Woche interessant. Wir wurden im Kekeli Hotel hier auf dem Kirchengelände versorgt und mussten nicht sofort anfangen selber zu kochen. Das war sehr gut, weil wir dadurch sofort die typischen Gerichte der Region testen konnten, wie z.B. „Fufu“ (ein Yamsbrei) und „RedRed“ (Bohnen und frittierte Kochbananen, sehr lecker!). Die Auswahl dieser Gerichte lief allerdings etwas anders ab, als das was ich von Restaurants gewohnt bin. Es gibt nicht etwa eine Karte, von der man wählen kann und dann zu einer bestimmten Uhrzeit zum Essen kommt, nein. Wir wurden jeden Morgen gefragt, was wir denn mittags essen möchten und wann, dann wurde in der Küche gefragt, ob das in Ordnung geht und wenn nicht, dann muss man sich eben etwas anderes überlegen. Das gleich Spiel lief dann mittags nochmal ab, wenn es um das Abendessen ging. Wir beiden hatten natürlich keine Ahnung, was man denn hier so isst und daher fragten wir fast immer eine Angestellte, was sie uns empfehlen würde. Rückblickend war diese Zeit doch schon sehr komfortabel, allerdings weiß ich auch noch, dass wir es zu der Zeit nicht recht genießen konnten. Wir waren fast immer die einzigen Essensgäste und so war es sehr still und wir wurden ständig beobachtet. Das war gerade dann unangenehm, als wir unsere ersten Versuche machten ohne Besteck zu essen, das lief anfangs nicht so galant ab. (Auch das hat sich inzwischen geändert, erst gestern wurden wir für unsere Künste mit den Händen zu essen gelobt. Und das, obwohl es wirklich jedes Mal eine Herausforderung ist, denn man isst auch alle Soßen mit den Händen und die sind meist heiß und natürlich flüssig...)

Ansonsten haben wir in den ersten Tagen noch das Wichtigste in der Stadt erledigt und uns allgemein einfach umgeschaut, weil es überall so viel zu entdecken gibt. Unser Mentor Eric war dabei eine große Hilfe. Er arbeitet selber auch bei der Kirche und läuft uns daher fast täglich über den Weg. Er ist ein sehr liebenswerter Mensch, der wirklich viel dafür gibt, dass es uns gut geht und wir uns nicht langweilen.

 

Bei unseren ersten Stadtspaziergängen war es für mich sehr eindrücklich zu erleben, wie sehr mein Hautfarbe hier eine Rolle spielt. Egal wo wir langgelaufen sind, gibt es immer Leute die „Yevu“ rufen, sobald sie Franzi oder mich sehen, was „Weiße/r“ bedeutet und wörtlich mit „kluger Hund“ zu übersetzen ist. Meist sind es Kinder, die das rufen und sich dann unglaublich dolle freuen, wenn man ihnen zuwinkt (Ab und zu bricht auch mal Eines in Weinen aus, das ist dann schade). Zum Teil sind es aber auch erwachsene Menschen, die uns rufen, und da fällt es mir schwer darauf zu reagieren, denn oft sind verschiedenste Intentionen damit verbunden. Verkäufer und Verkäuferinnen wollen meist nur, dass wir etwas kaufen, andere möchten sich mit uns unterhalten und/ oder mit uns befreundet sein. Bei wieder Anderen habe ich keinen blassen Schimmer, was mir dieser Ausruf jetzt gerade sagen soll. Und dann gibt es vereinzelt noch die, die einen heiraten wollen. Das hatte ich immer als Gerücht abgetan, als ich es von anderen hörte, die schon einmal in Ghana waren und konnte mir so eine Situation nie gut vorstellen. Aber tatsächlich habe ich in den ersten paar Tagen bereits drei Heiratsanträge bekommen, wie ernst diese gemeint sind, ist natürlich eine andere Sache.

Mittlerweile habe ich mich schon fast an die Rufe der Kinder und Verkäufer/innen gewöhnt, aber es bleibt häufig das Gefühl, nicht so richtig gut damit umgehen zu können und so oder so das Falsche zu machen.

 

Zu guter Letzt möchte ich gerne noch von unserem ersten Gottesdienst an einem Sonntag erzählen, dieser ist mir noch gut in Erinnerung. Eigentlich gehen wir immer in die Kirche direkt neben an, aber an diesem Sonntag hat uns unser Mentor Eric mit in sein Kirche genommen, in der er predigt. Wir trafen uns mit ihm um neun Uhr, gegen zwanzig nach neun waren wir dann an der Kirche, der Gottesdienst lief schon einige Zeit. Das war schon verwunderlich für uns, wo er doch der Pfarrer war, aber es sollte noch mehr Überraschungen geben. Franzi und ich kannten sonst Keinen in der Kirche und so wurden wir am Rand auf zwei Plastikstühle platziert. Von da aus hatte man einen guten Überblick über die beschauliche Kirche (Ein Raum in der Größe eines Volleyballfeldes) und nach draußen auf eine Sonntagsschule und ein Maisfeld, denn Seitenwände gibt es in dieser Kirche nicht, nur Gitter. Der Gottesdienst selber war auf Ewe, daher verstanden wir so gut wie nichts, aber es wurde viel gesungen, laut vorgelesen und Geld gespendet. Ziemlich viel Geld sogar. Kollekte kenne ich auch aus anderen Kirchen, in denen ich in meinem Leben bereits war, aber das was ich an diesem Sonntag erlebt habe, war eine ganz andere Hausnummer. Zunächst einmal passiert dies nämlich nicht still während eines Liedes oder am Ende des Gottesdienstes, sondern es steht die gesamte Gemeinde auf, Reihe für Reihe, und läuft nach vorne, um ihre Spende in eine Plastikschüssel zu werfen. Wenig später stehen wieder alle auf, dieses mal stehen vorne sieben verschiedene Plastikschüsseln, für die sieben Tage der Woche. Dann gibt jeder eine Spende in die Schüssel mit dem Wochentag an dem er oder sie geboren ist. Nach dieser Runde dachte ich, nun wäre es erledigt, ich weiß noch, dass ich erleichtert war, weil ich hatte gar nicht an Geld gedacht und musste somit zusammen mit Franzi immer als Einzige sitzen bleiben. Aber es kam noch doller. Wenig später stand auf einmal ein Mann vorne und hielt ein Brot in die Höhe und fing an, immer höher werdende Geldbeträge zu rufen. Er versteigerte das Brot. Nachdem sich die höchstbietende Person gefunden hatte, ging es weiter. Ananas, Wasser und Eier kamen als Nächstes. Wobei beim Verkauf immer ein Jubel ausbrach und der Käufer/ die Käuferin stolz nach vorne kam. Und dann kam der Höhepunkt, der mich echt sprachlos machte. Der Auktionär holte ein Plastiktüte unter seinem Stuhl hervor, öffnete sie und hielt plötzlich ein lebendiges Huhn in die Höhe! Auch dieses wechselte dann nach einigen Geboten seinen Besitzer. Franzi und ich blickten uns nur ungläubig an, so etwas hatten wir wirklich noch nie erlebt. Später erfuhren wir, dass die Kirchengemeinde Geld für ein neues Gebäude sammelt und daher etwas kreativer bei der Gottesdienst Gestaltung wurde. Jetzt im Nachhinein ist es lustig, darüber nach zu denken, wie geschockt wir in dem Moment waren, denn letzten Sonntag fanden wir es schon gar nicht mehr befremdlich, als mitten im Gottesdienst Seife verkauft wurde. Wie schnell man sich doch an manche Dinge gewöhnt. Aber dennoch gehört dies zu einem der Punkte, die mir ich selber nicht gut verstehen, nachvollziehen und akzeptieren kann. Ich habe stets das Gefühl, dass es falsch ist, wenn es in der Kirche mal wieder Zeit ist aufzustehen und vor aller Augen sein Geld in die Schüssel zu werfen oder laut gerufen wird: „Alle die 20 Cedi geben, kommen jetzt nach vorne, Alle die 10 Cedi geben, kommen jetzt nach vorne,...“. Die Menschen von hier, mit denen ich bisher darüber geredet habe, finden dies nicht unangenehm und verstehen nicht, warum ich mich damit so schwer tue.

 

Allgemein habe ich die ersten Tage allerdings sehr positiv in Erinnerung, ich war wirklich überrascht vom Umfang der Gastfreundschaft und davon, wie wohl wir uns von Anfang an fühlen konnten. Mit der inzwischen vergangenen Zeit erscheint schon Vieles nicht mehr so extrem und abgedreht, wie es anfangs auf uns gewirkt hat. Die Dinge scheinen viel mehr im Zusammenhang und nicht so zufällig zusammengewürfelt. Damals hat uns wirklich Einiges einfach sprachlos gemacht, ich denke so geht es Jedem, wenn er zum ersten Mal in eine Umgebung wie diese eintaucht.

 

So der Eintrag ist mal wieder ein bisschen lang geworden, also Respekt, wer es bis hierhin durchgehalten hat! Danke für das Interesse und wie immer gilt – falls noch etwas unklar ist, antworte ich gerne auf Fragen und freue mich über Nachrichten.

 

Alles Liebe und einen schönen Tag,

 

Merlit

 

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