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Meine Schule

Autor: Merlit | Datum: 28 November 2017, 08:18 | 0 Kommentare

„Meine Schule“, das ist die „Kekeli International School“. Sie ist eine kleine Privatschule der E P. Church (die Kirche, über die mein Freiwilligenprogramm läuft), gelegen in einem etwas abgelegenen Stadtteil von Ho, namens Snit Flat. Anders als bei öffentlichen Schulen wird sie größtenteils durch die Kirche und nicht durch den Staat finanziert. Jedes Jahr sind die Freiwilligen der E.P. Church an einer ihrer Schule tätig. Dazu gehört eine Vielzahl von Schulen hier in Ho, öffentliche und private, sodass die Freiwilligen fast jedes Jahr durchwechseln und immer wieder an neuen Schulen eingesetzt werden. An meiner Schule war letztes Jahr schon mein Vorfreiwilliger weswegen ich eigentlich an eine andere Schule sollte, aber irgendwie bin ich dann doch hier gelandet.

Die Schule besteht aus zwei Gebäuden und liegt wunderschön an einem kleinen Abhang, sodass man einen weiten Blick über die umliegende Landschaft und einige kleine Berge hat. Sie liegt nicht direkt an der Straße, sodass man erst noch einem Pfad für einige hundert Meter folgen muss, vorbei an der „Royal School“ (einer größeren, öffentlichen Schule) und dem „Sportplatz“ der Schule (einer relativ große Rasenfläche). Ein Stück weiter steht dann rechts das Hauptgebäude, in dem die Räume der Nursery (für Kinder zwischen 2 und 3 Jahren), die des Kindergartens (3 bis 4 Jahre), das Klassenzimmer der JHS Klasse (13 bis 14 Jahre) und das Büro der Schulleiterin untergebracht sind. Dies ist jeden Morgen auch mein erster Anlaufpunkt, um die Schulleiterin zu grüßen und mich ins „Attendance Book“ einzutragen. In einem Anbau befinden sich außerdem noch die Küche, der Essensraum und ein kleines Bad. Das andere Gebäude, vom Weg aus kommend links gelegen, beherbergt fünf kleine Klassenräume für die „Primary 1, P 2, P 3, P 5 und P6 (Nein, ich habe die P 4 nicht vergessen, die Schule hat einfach keine). Diese entsprechen den Klassen eins bis sechs in Deutschland.

 

Kleiner Einschub zum Schulsystem: Kinder gehen üblicherweise mit zwei Jahren in die Nursery und von da aus, ein Jahr später, in den Kindergarten. Dabei gleicht dieser dem mir bekannten Kindergarten in Deutschland nicht so sehr, denn die Kinder sitzen meist an Tischen und haben Aufgaben zu bearbeiten, wie z. B. das Malen von Buchstaben. Es wird viel weniger gespielt, die Kinder kommen hauptsächlich zum Lernen. Hier kommen die meisten auch das erste Mal mit der englischen Sprache in Kontakt, da das Lehrpersonal fast nur Englisch redet, die meisten Kinder zuhause aber eine andere Sprache hören. Mit fünf oder sechs Jahren geht es dann in die „Primary“. Diese geht von Primary 1 bis Primary 6. Danach kommt die Junior High School (JHS), sie umfasst drei Jahre, JHS 1, JHS 2 und JHS 3. All diese Stufen sind häufig in einer Schule zusammen gefasst, wie auch in meiner Schule hier. Danach wechselt man zu einer Senior High School.

 

An meiner Schule sind also Kinder und Jugendliche von zwei bis vierzehn Jahren. Ich glaube insgesamt sind es ungefähr 130-135, da bin ich mir aber nicht ganz sicher. Dabei sind die Nursery- und Kindergartenkinder klar in der Überzahl. Die meisten Schulklassen sind sehr übersichtlich, die kleinste Klasse hat nur vier Schülerinnen, die größte Klasse hat zwölf Schülerinnen und Schüler. Insgesamt kommen die sechs Klassen, anfangend von der P1, auf circa 50 Personen. Das ist eher unüblich für Schulen in Ghana, soweit ich das bis hierher bewerten kann, denn viele Schulen haben auch vierzig, fünfzig oder sogar mehr Leute in einer Klasse. Der Grund dafür liegt (meines Wissens nach) in der Tatsache, dass es eine Privatschule ist und damit teurer als die öffentlichen Schulen.Es werden zusätzlich zu den Ausgaben für Bücher, Materialien und Schuluniform noch hohe Beiträge pro Trimester gezahlt. Auch die Anzahl der Lehrerinnen und Lehrer ist dementsprechend gering, momentan gibt es für die Primary Klassen und die JHS Klasse zusammen sieben Lehrpersonen.

 

Der Unterricht beginnt für alle Kinder jeden Tag morgens um acht Uhr und endet um drei Uhr nachmittags, außer freitags, da ist schon um halb drei Schluss. Die Kleinen werden zum Teil auch schon früher abgeholt. Während eines Tages gibt es zwei große Pausen, eine von halb elf bis elf Uhr und die zweite von halb eins bis ein Uhr. In der zweiten Pause wird gemeinsam gegessen, zwei sehr nette Frauen kochen in einer kleinen Küche immer für die gesamte Schüler- und Lehrerschaft. Das Menü ist jede Woche das Gleiche: Montags gibt es Reis mit roter Soße, dienstags und donnerstags Banku mit Stew (Eine Art fester Brei aus Casava, der mit Okraschoten, Fisch, Palmnusssoße oder Erdnusssoße gegessen wird), mittwochs Watche (Reis mit Bohnen und scharfer Soße) und freitags Bohnen. Die Schülerinnen und Schüler essen dann immer gemeinsam in einem Raum neben der Küche, an länglichen Tischen und Bänken, die meisten Lehrer essen alleine im Klassenzimmer, das finde ich schade. Ich versuche eine gute Mischung zu finden, manchmal esse ich bei den Kindern, manchmal setze ich mich in einen Klassenraum zu einem anderen Lehrer oder einer anderen Lehrerin.

In der Schule wird grundsätzlich Englisch gesprochen, Ausnahme ist dabei nur der Ewe-Unterricht (Ewe ist die regional typische Sprache, die in Freizeit und Familie überwiegend gesprochen wird) und die Kommunikation zwischen Lehrpersonen. Das heißt leider, dass ich manchmal kein Wort von dem verstehe, was um mich herum gesprochen wird. Aber ich versuche auch die Chance zu nutzen und Vokabeln zu erfragen und mir bekannte Wörter in meine eigenen Sätze einzubauen. Falls das klappt, werde ich anschließend auch von allen Anwesenden gefeiert.

 

Meine Aufgabe an der Schule ist es Deutschunterricht in den Klassen P1-P6 zu geben. Dieser ist nicht Teil des offiziellen Lehrplans und ist daher offiziell wohl eher als eine Art „AG“ zu sehen. Zusätzlich gestalte ich auch mal Lernplakate, sitze in anderem Unterricht dabei, korrigiere kleinere Hausaufgaben, assistiere im Kindergarten (z.B. beim Malen von Buchstaben und Zahlen) und spiele mit den Kindern während der Pausen. Diese Dinge füllen mir die Zeit, die ich über habe, meine größte Beschäftigung ist aber das Unterrichten. Ich bin in jeder Klasse zweimal pro Woche und habe dann entweder dreißig Minuten oder eine volle Stunde Zeit mit den Kindern. Ich habe mittlerweile auch einen richtigen Stundenplan. Das war anfangs gar nicht so leicht, den zu bekommen, weil es erstens eine ganz schöne Aktion war mit jedem Lehrer/ jeder Lehrerin einzeln abzusprechen wann ich in welcher Klasse sein soll und zweitens, weil es allgemein nicht üblich ist als Lehrperson einen Stundenplan zu haben. Stattdessen haben die Klassen jeweils einen, von dem aus sie ablesen welche Stunde sie als nächstes haben und welche Lehrerin/ welcher Lehrer als nächstes kommen sollte. Diese Person wird dann von einem Kind der Klasse geholt. Die Lehrerinnen und Lehrer wissen also meist morgens nicht welche Klassen sie an diesem Tag alles unterrichten werden. Nun ja, ich habe jedenfalls nun meinen Stundenplan und mache mich dann immer selbstständig zu den jeweiligen Klassen auf. Dort angekommen begrüßen mich mittlerweile alle Schülerinnen und Schüler mit einem überschwenglichen „Guten Morgen!“ oder „Guten Tag!“. Die Meisten strahlen schon und freuen sich, dass ich nun in ihre Klasse komme, das freut mich natürlich auch.

Fast alle Kinder hören durch mich (verständlicherweise) das erst Mal deutsch und daher starte ich in allen Klassen bei null. Ich fing an mit dem Alphabet, mit Zahlen und Begrüßungsformeln. Die Älteren können inzwischen auch schon etwas über sich selbst erzählen und ein paar Fragen stellen. Ich versuche neben den reinen Deutschvokabeln auch ein wenig über Deutschland zu erzählen. Die Kinder haben viele Fragen und Vorstellungen, manche zutreffender als andere. Ich hoffe ein paar „falsche“ Annahmen so aus dem Weg räumen zu können und einen Rahmen zu schaffen, der erklärt was für eine Sprache sie gerade lernen und woher sie kommt. So haben wir zum Beispiel neulich über Jahreszeiten gesprochen (Hier gibt es nur die Unterteilung in Trocken- und Regenzeit) und ein anderes Mal habe ich ein paar Euro Münzen mitgebracht. Das kam richtig gut an, am Ende kamen auch alle Lehrerinnen und Lehrer dazu, um sich das mal anzuschauen. Außerdem singe ich sehr gerne mit den Kindern. Dabei haben sie und ich großen Spaß und es verleiht dem Ganzen mehr Leichtigkeit. Für diese Woche plane ich übrigens auch schon die ersten Weihnachtslieder mit den Kindern zu üben, denn so weit ist es ja nicht mehr. Häufig nutze ich das gemeinsame Singen als Belohnung am Ende der Stunde, wenn diese gut verlaufen ist. Das hilft ganz gut die Kinder in Schach zu halten.

Eine Schwierigkeit für mich liegt darin, wie mit Fehlverhalten allgemein an meiner Schule umgegangen wird. Es ist (leider) wie auch an vielen anderen Schulen hier in Ho üblich, die Schülerinnen und Schüler mit einem Schlagstock zu bestrafen, falls sie etwas falsch gemacht haben. Das ist gesetzlich zwar mittlerweile verboten, in der Praxis aber noch häufig gang und gebe. Für mich ist das alles andere als leicht mitanzusehen und führt ab und zu auch zu Schwierigkeiten in meinem Unterricht. Die Kinder wissen, dass ich sie selber nicht schlagen werde und auch nicht anders körperlich bestrafe, das habe ich ihnen in meiner ersten Stunde erklärt. Aber es kommt trotzdem manchmal dazu, dass Kinder mich auffordern andere zu bestrafen und das finde ich noch immer erschreckend. Ich bin in meiner Erziehung (glücklicherweise) nie mit einer solchen Methode in Berührung gekommen und kann daher nicht nachvollziehen, wie sie als gewinnbringend und lernfördernd gesehen werden kann. Ich habe schon mit einigen Lehrerinnen und Lehrerin darüber geredet und möchte auch nicht behaupten, dass ich die einzig „richtigen“ Methoden kenne und benutze, aber trotzdem ist es ein Problempunkt für mich.

Ansonsten läuft der Unterricht aber gut, ich freue mich schon noch größere Fortschritte bei den Kindern zu sehen und auch bei mir selber. Ich bin ja ganz und gar kein Profi und daher lerne auch ich viel dazu, wie ich die Kinder motivieren kann, mit welchen Methoden sie am besten lernen, wann ich etwas gut erklärt habe oder eben auch nicht. Ich bin froh über die Chance und die Freiheit selber meine Stunden gestalten zu können und Verantwortung übernehmen zu können. Mit meinen Aufgaben bin ich also sehr zufrieden und auch mit der Position die ich momentan an der Schule einnehme. Ich verstehe mich gut mit den Kindern, sie versüßen mir hier wirklich jeden Tag und bereichern mich sehr.

Die Schule hat allerdings auch einige Stellen, die ich durchaus kritisch sehe. Anders als bei öffentlichen Schulen werden die Lehrpersonen nicht vom Staat eingestellt und bezahlt, sondern von der Schule selbst. Das heißt, dass es keine vorgegebene Höhe der Bezahlung gibt und führt leider dazu, dass die Lehrerinnen und Lehrer ein sehr niedriges Gehalt verdienen. Es liegt weit unter dem Wert, den Leute an öffentlichen Schulen verdienen (ausgehend von den Informationen, die ich von den Lehrerinnen und Lehrern an meiner Schule und denen von einer öffentlichen Schule habe). Es gibt zwar eigentlich einen Mindestlohn in Ghana, aber dieser wird nicht immer eingehalten. Die niedrige Bezahlung führt leider dazu, dass sich auch unqualifizierte Personen bewerben, die an öffentlichen Schulen nicht angestellt werden könnten. Das heißt es gibt Einige, die gar keine oder nur eine sehr kurze Ausbildung hatten. Meist sind es junge Leute, die nach der Schule oder während des Studiums arbeiten um eine weitere Ausbildung finanzieren zu können. Das wiederum heißt auch, dass es nicht selten vorkommt, dass die Lehrerinnen und Lehrer lediglich für eine kurze Zeit an der Schule bleiben, bis sie genug Geld zusammen haben oder eine bessere Arbeit gefunden haben. So kommt es zum Beispiel dazu, dass in den zwei Monaten, die ich bereits an der Schule bin, schon drei Personen diese verlassen haben. Die Person, die am längsten an der Schule ist, ist nun im dritten Jahr da. All das führt also zu vielen Lehrerwechseln und zwischenzeitig auch zu Lehrermangel. Ich habe leider noch nicht so ganz herausfinden können, warum das Gehalt so gering gehalten wird, wo doch durch die Schulgebühren eigentlich eine Menge Geld „eingenommen“ wird. Für mich persönlich bedeutet das, dass ich schon zwei Lehrer habe gehen sehen, mit denen ich mich gut verstanden habe. Die Auswirkungen für die Schülerinnen und Schüler sind aber natürlich weitreichender und gravierender. So gab es in den ersten beiden Wochen nach den Ferien zum Beispiel nur sehr spärlich Unterricht, weil erst noch neue Lehrpersonen gesucht und eingestellt werden mussten und auch im nächsten Term werden vermutlich wieder neue Leute gefunden werden müssen...

So kann ich abschließend also sagen, dass es für mich sehr interessant ist einen Einblick in eine Schule in einem ganz anderen System zu erhalten, es aber zum Teil auch erschreckend ist, was ich immer für selbstverständlich genommen habe an meinem Bildungsweg und was ganz und gar nicht selbstverständlich ist. Ich bin sehr gespannt, was ich in den nächsten Monaten noch lernen werde und was sich mir noch erschließen wird. Grundsätzlich bin ich auf jeden Fall zufrieden mit meiner Schule, meinen Aufgaben, den Leuten mit denen ich täglich so viel Zeit dort verbringe und den Gelegenheiten, die diese Schule mir eröffnet.

 

Wie immer gilt: Falls ihr noch Fragen oder Anmerkungen habt, schreibt mir gerne!

Mit vielen Grüßen aus dem sonnigen Ho,

Merlit

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